Gletscher Trailrun

Ötztaler Gletscher Trailrun

Meine 1. Laufveranstaltung in den Alpen seit 2 Jahren.
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Ötztaler Gletscher Trailrun

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Foto & Text: Simone Gerstmayer

Es fühlt sich an wie ein kleines Stück Normalität – wie früher. Es ist Freitag und ich sitze im Auto Richtung Berge zum Laufen. Genauer gesagt Richtung Ötztaler Berge, nach Obergurgl. Dort findet die 4. Ausgabe des Gletscher Trailruns statt. Meine 1. Laufveranstaltung in den Alpen seit 2 Jahren. Die Vorfreude ist dementsprechend groß. Lange hat Corona solche Veranstaltungen ausgebremst. Seit ein paar Wochen sind Laufveranstaltungen unter Einschränkungen wieder möglich.

Nach dem Einchecken im Hotel hole ich meine Startunterlagen im Dorfzentrum ab. Mit Maske und Abstand halten, fast ja schon normal. Es halten sich nicht viele Personen im Start/Zielbereich auf. Gemeldet sind auf den 5 Strecken (3,3km, 10km, 22km, 42km und 63km) 345 Starter. Ich selbst stehen auf der Ultrastrecke am Start. 4000 Höhenmeter warten auf mich.

Ich sehe einige bekannte Gesichter. Peter Buschack aus Cottbus zum Beispiel (www.Mad-Chicken-Run.de). Ein Flachländer in den Alpen. anderen geholfen.

Um 18.00 Uhr fällt der erste Startschuss, Top Mountain Run. Für die 47 Starter heißt es 6,3km und 750 Höhenmeter zu bezwingen.

Für alle anderen Starter geht es erst am Samstag los. Ich gehe zum Abendessen, eigentlich ein 5-Gänge Menü im Hotel. Ich beschränke mich auf 3 Gänge. Eine gemeinsame Pastaparty für alle Starter  ist aufgrund der derzeitigen Situation nicht machbar. Danach heißt es Rucksack packen und ab ins Bett. Schließlich klingelt der Wecker bereits um 0.45 Uhr. Kleines Frühstück, 1  Marmeladensemmel – was sich im Nachhinein als sehr gute Idee raus stellt. Das Wetter soll trocken bleiben und sonnig werden. Erst gegen Nachmittag evtl. etwas Regen.

Pünktlich um 1.30 Uhr sitzen die  60 Starter mit Maske im Dorfzentrum vor einer riesigen Leinwand  im dunklen Saal. Auf der Leinwand werden Bilder der Ötztaler Alpen und Gipfel gezeigt, untermalt mit Musik, welche einen sofort  in seinen Bann zieht. Andächtig sitzen  wir da und lassen die Bilder und die Musik auf uns wirken. Schneebedeckte Gipfel, Sonnenaufgänge, majestätisches Panorama. Man wird mental stark auf diesen Lauf eingestimmt. Dann geht’s los, kurzes Racebriefing. Hier werden nochmal Strecke, Markierungen, Notfallnummern, Cut Off Zeiten, Ausrüstung etc. durchgesprochen.

Pünktlich um 2.00 Uhr fällt der Startschuss. Es geht los. Dieses Kribbeln im Bauch hab ich lange vermisst. Endlich wieder Rennfeeling. Die Strecke geht zuerst durch den Zirbenwald. Die Temperatur ist angenehm. Allerdings merke ich die 1900m Seehöhe bereits beim ersten Anstieg. Aber kein Wunder, es ist die erste Tour in den Alpen seit zwei Jahren in dieser Höhe. Es geht auf Schotterwegen und wurzeligen Trails durch das Königstal Richtung Hochgurgl. Von dort weiter durch das Timmelstal. Das Timmelsjoch lassen wir allerdings rechtsseitig liegen und biegen talabwärts ab. Der Weg schlängelt sich bergab. Im Schein der Stirnlampe  ist man nur auf den Trail fokussiert, welcher sehr schmal und mit Steinen und Wurzeln gespickt ist. Kurz vor der Straße treffe ich auf Kühe. Sie liegen entspannt im Gras und schauen mich mit ihren großen Augen an. Ohne irgendeine Regung zu zeigen kauen sie ihr Gras und mir kommt es so vor, als sei es für sie völlig normal, dass früh um 3.00 Uhr eine Schar Läufer mit Stirnlampe an ihnen vorbei rennen. Tatsächlich kaum zu glauben. Nach Überqueren des Baches geht es weiter Richtung Lenzen Alm (1892m). Dort ist die erste Labestation. Es gibt Wasser, Iso und heißen Tee. Mittlerweile hab ich schon gute 17,5km geschafft. Es läuft eigentlich ganz gut. Mit der Seehöhe komme ich mittlerweile besser klar, als am Start. Ich schaue in den Himmel, die Bergshilouette zeichnet sich schon leicht vom Himmel ab. Die Nacht ist in den letzten Zügen und ich warte auf den Sonnenaufgang. Jetzt geht es erst einmal kräftezehrend steil bergauf zum Nedersee (2436m). Die Sonne ist aufgegangen und strahlt bei blauem Himmel die umliegenden Gipfel an. Das Gelände wird grober. Bäume sind keine mehr zu finden, dafür Felsbrocken, große Steine und eine tolle Aussicht auf die Gletscherwelt. Der Weg schlängelt sich weiter taleinwärts bis zur zweiten Labe an der Küppelehütte (2302m). Hier heißt es nochmals Kraft tanken für den nächsten sehr steilen Uphill. Leider ist die Verpflegung sehr spärlich. An Essen ist nicht zu denken, denn das gibt es nicht. Immerhin hab ich Gels und Müsliriegel im Rucksack. Für die nächsten 4,5km heißt es steil bergauf. Es liegen 700 Höhenmeter im hochalpinen Gelände vor mir. Meter für Meter schlängele ich mich über die Felsen. Das Panorama entschädigt für alle Strapazen. Die Sonne strahlt satt auf mich herab. In weiter Ferne , hoch oben auf einem Felsvorsprung, sehe ich das Ramolhaus (3002m) thronen. Da muss ich hoch. Vorbei an vielen Schafen und dem Soomsee. Ansonsten gibt es nichts. Außer Stille und die Macht der Berge. Die Gletscherkulisse der Ötztaler Alpen immer im Blick, muss ich öfters stehen bleiben und einfach den Moment genießen. Steil schraube ich mich dem Ramolhaus entgegen. Die letzten Meter sind gefühlt senkrecht nach oben. Viele Felsbrocken, kein durchgehender Weg, Stufen. Zu allem Überfluss muss man noch die entgegenkommenden Läufer im Blick haben, da diese einen Teil des Downhills auf diesem Weg haben. Endlich, geschafft, Hütte erreicht, Halbzeit von Höhenmeter und Kilometer. Es gab heiße Brühe und paar Bananen. Lange halte ich mich nicht auf, da der Wind sehr stark weht und ich nicht groß abkühlen will. Der höchste Punkt der Strecke ist erreicht. Das Panorama ist  überwältigend. Ich bereite mich mental auf den Downhill vor. Genauso steil wie bergauf, geht es nun bergab.  Downhill liegt mir, auch im hochalpinen Bereich. Ich lass es laufen. Der Puls ist fast so hoch wie bergauf, die Oberschenkel machen gut mit, die Füße finden sicher ihren Halt. Es geht über Felsbrocken, Steine, Stufen, Schneefelder und zum Schluss über sehr große, glatte, und steil abfallende Stein- und Felsblöcke. Ein pinkes Achtung-Schild macht zusätzlich auf die heiklen Stellen aufmerksam. Es ragen Eisenstufen, die aussehen wie Hufeisen, aus den Felsen heraus.  Ebenfalls sind  Stahlseile, wie bei Klettersteigen, in den Fels verankert. Es geht fast senkrecht nach unten. Stufe für Stufe. Es ist höchste Konzentration gefragt. Nach ca. 650 Höhenmeter ist diese Passage fast geschafft. Kurze Zeit später steh ich endlich an der Schlüsselstelle des Laufes. Sicher auch DAS Highlight schlechthin. Die Piccard Brücke, eine 70cm breite Hängebrücke von 150m Länge , welche über die Schlucht des Gurgler Ferners führt. Im Laufschritt gehts drüber. Vor mir ein Läufer und hinter mir auch. Es schaukelt nicht schlecht. Unter mir rauscht der Bach die Schlucht hinab. Erst als ich am anderen Ende steh und mich nochmals umdrehe, um die Läufer nach mir zu beobachten, fällt mir auf, dass die Brücke eigentlich auch recht gut quietscht. Naja egal, sie scheint zu halten. Es geht wieder bergauf. Die selben Felsen und Steine wie im Downhill, Eisenstufen, Seile, pinke Wegpunkte , ab und an ein Stückchen Pfad. Die nächste Labe ist in Sicht. Über den Schwärzenkamm geht es zur Langtalereckhütte (2430m). Jetzt wird es wieder etwas grüner und pfadiger von der Strecke. Allerdings merke ich allmählich, dass mir mein Magen tierisch Probleme bereitet. Durch das wenige feste Essen und das vermehrte Iso trinken rebelliert dieser ganz schön. Meine angepeilte Finish-Zeit werde ich eher nicht halten können. Immer in der Hoffnung, dass es bei der nächsten Labe etwas Brot oder Cracker oder Semmelartiges gibt, laufe ich weiter. An Gels ist nicht mehr zu denken, die bekomme ich nicht mehr rein. Ich konzentriere mich immerhin auf Wasser. Das bringt zwar etwas Flüssigkeit, aber das wars dann auch. Meine Beine werden allmählich schwerer. Endlich, die nächste Labe an der Schönwieshütte (2256m) ist erreicht, allerdings gibt es nur Getränke, immerhin etwas Cola. Ich probiere es damit. Könnte für eine kurze Zeit klappen. Weiter geht es Richtung Hohe Mut. Dem Rotmoostal folgend, geht es für ca. 5km Richtung Gletscher, immer im trockenen Bachbett flussaufwärts, bevor es links hoch Richtung Hohe Mut geht. Immer am Grat entlang schlängele ich mich Meter für Meter nach oben. Meine Beine sind sowas von leer, der Magen ist dicht. Die Aussicht auf das Gletscherpanorama entschädigt nur kurzfristig, da sich dahinter bereits eine dichte Wolkenwand anbahnt. Der Wind weht stark. Mein erster Gedanke  ist „Hoffentlich kommt das Unwetter nicht so schnell“. Jetzt auch noch Regen und Gewitter bitte nicht. Nach gefühlt einer Ewigkeit habe ich die höchste Stelle erreicht , bevor der Weg quer zum Hang Richtung Hohe Mutalm geht. Mittlerweile bin ich an dem Punkt, wo ich nur noch gegen die Uhr laufe und überhaupt nur noch das Ziel als Ziel sehe. Auf einem schönen  und gut laufbaren Trail geht es Zur Hohe Mutalm (2636m), wo es zwar Nudelsuppe und Obstkuchen und Bienenstich gab. Allerdings ist das natürlich nichts mehr für meinen Magen. Ich nehme aber dennoch was von den Nudeln. Hop oder Top. Schnell noch ein Schluck Cola und das Wasser wird wieder aufgefüllt. Weiter geht es. Die letzten 13km , das sollte ja wohl zu machen sein. Es geht kurz wieder den Trail zurück, dann biege ich links ab und laufe bergabwärts durch das Gaisbergtal in Richtung Festkogl. Nach guten 7km erreiche ich die letzte Labe an der Roßkarbahn (2256m), wo ich in der Schlussläufergruppe, bestehend aus 3 weiteren Läufern ankomme. Mit uns läuft der Abmarkierer, welcher sämtliche Schilder und Fähnchen zur Wegmarkierung einsammelt. Puh, das setzt mich innerlich auch ein wenig unter Druck, obwohl die Zeit zum Cut off noch Luft hat. In Begleitung 2 Marathon-Herren geht es für mich step by step in Richtung Ziel. Mittlerweile will ich nur noch dort ankommen. Ich hätte zwar die Alternative mit dem Auto wählen können, aber nicht so kurz vor Schluss. Irgendwie wird es schon noch gehen. Es  geht über das Verwall- und Königstal nochmals kurz bergauf, bevor wir endlich links abbiegen und Obergurgl endlich in Sichtweite haben und in dessen Richtung unterwegs sind. Gefühlt eine Ewigkeit laufe ich ca. 200 Höhenmeter am Hang oberhalb des Dorfes. Der Weg ist toll, es geht über Wurzeln und weichen Waldboden. Eigentlich genau mein Ding. Es kommt eine Kurve nach der anderen, aber kein Höhenmeter nach unten. Ortsmitte geht es dann endlich steil bergab. Wir laufen zu dritt über die Skipiste und erreichen das Dorf. Immerhin ist Obergurgl nicht so groß, somit ist das Ziel kurze Zeit später -Gott sei Dank erreicht. Der Applaus und die ganzen Menschen machen diesen zwar nicht in der Wunschzeit, aber immerhin überhaupt angekommen, doch zu einem tollen Finish, welches ich nach guten 15 Stunden dann auch endlich erreicht habe.

Kurze Zeit nach uns kommt der Schlussläufer mit dem letzten Herren der Ultrastrecke ins Ziel. Hart erkämpft.

… Der Letzte macht das Licht aus …

Anschließend gibt es für mich lecker Essen im Hotel und eine heiße Badewanne und alles war wieder im grünen Bereich. Jeder Starter hatte im Starterbag einen Verzehrgutschein für eines der umliegenden Hotels zum Einlösen.

Abschließend gibt es zu sagen , dass es ein grandioser Lauf war. Die (Ultra)Strecke war hochalpin und technisch sehr anspruchsvoll, tolle Anstiege und Downhills. Die Piccard Brücke – das Highlight schlechthin- war grandios – absolute Schwindelfreiheit ist aber gefragt. Die Markierungen waren top.

Allerdings gibt es auch ein wenig Kritik. Die Labebestückung, welche fast ausschließlich nur aus Wasser und Iso, ggf. Cola bestand, war sehr rar. Klar kann aus Covid Ansicht nicht alles umgesetzt werden, aber genau aus diesem Grund hätte man evtl. im Vorfeld extra darauf hinweisen können, dass jeder sein komplettes Essen mitzunehmen hat. Was sicher kein Problem gewesen wäre. Ich schätze, dass hätte einigen DNFlern sicher einiges erspart und den A… gerettet und auch manch anderen geholfen.

Auch wäre es toll gewesen, wenn die Medaillen für jede Strecke unterschiedlich gekennzeichnet wären. Die Idee mit der Holzscheibe und dem eingebrannten Logo ist an und für sich nicht schlecht. Aber ich denke, und da spreche ich wahrscheinlich auch für einige andere mehr, dass man nach so einem Lauf gerne auch etwas Metallisches um den Hals hängen haben möchte. Etwas mit mehr Gewicht. So wie der Anspruch der Strecken eben auch ist.

Trotzdem vielen Dank für dieses tolle Wochenende. Es hat sich fast wieder nach Normalität angefühlt.

Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich auf dieser Strecke zu finden bin.

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