Mein erstes Mal

Trail Running – Mein erstes Mal

Kamil nimmt uns mit bei seinem ersten Trailrun. Dem Pitz Alpine Glacier Trail – PAGT20.
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Seit langem liebäugelte ich schon damit, einen Trail Run zu machen. Aber bei der Auswahl habe ich mir nicht recht groß was dabei gedacht. So wurde kurzerhand über eine Social Media Startplatzbörse ein Ticket für den P45-Glacier Trail von 07. – 09. August 2020 – der höchste Marathon der Alpen wie man ihn auch gerne nennt – ergattert. Da in Deutschland fast alle Läufe coronabedingt ausfielen, wagte ich mich als leidenschaftlicher Hindernisläufer mit Marathonerfahrung auf fremdes Terrain. Ist ja nur ein Trail Run! Die 45 km und 2.800 HM werden wohl nicht so schwer sein! Denkste…

Angefangen bei der richtigen Ausrüstung. Meine CamelBak Circuit Trinkweste mit einer Packkapazität von 5 l war definitiv viel zu klein für die Menge an Pflichtausrüstung, die für den Lauf erforderlich war. So musste die – viel zu große – Faltschüssel für die Essensausgabe, das Erste-Hilfe -Set und die Schuhspikes für den Gletscher mit Karabinerhaken an den Laschen der Weste befestigt werden. Sogar die 1,5 l Trinkblase musste für Wechsel- und Regenbekleidung weichen. Nicht nur der Anblick meines Rucksacks bat den anderen Mitstreitern einen Grund zum Lachen, auch ich selbst war in Sachen Funktionsbekleidung für Trail Läufe nicht gerade beschlagen. Ich gab eher ein Bild eines typischen Freizeitläufers wieder. Besonders amüsant war es, als ich mit einem Reisekoffer zur Ausrüstungskontrolle am Vortag kam und nicht, wie gewohnt, bereits im Läuferoutfit.

Ausrüstung - Kamil
Ausrüstung - Kamil

Auch die Startuhrzeit war für mich absolutes Neuland, denn die 8. Auflage des Pitz Alpine Glacier Trails startete für die 45 km Läufer bereits um 02:00 Uhr nachts. Dementsprechend war der Schlafrhythmus vollkommen aus dem Gleichgeweicht geraten, aber auch die passende Ernährung ließ zu wünschen übrig. Klar gab es am Abend davor noch standesgemäß Pasta von den naheliegenden Restaurants auf dem Eventgelände, jedoch gab es zum Frühstück eine Banane und einen Protein-Riegel.

Um 01.00 Uhr nachts hat mich der Shuttlebus ins 3 km entfernte und auf 1.670 m liegende Mandarfen gebracht, wo sich Start- und Zielbereich befanden. Aus dem Bus ausgestiegen, wunderte mich zuallererst, dass sich die recht überschaubaren 145 Teilnehmer kaum bis gar nicht warmgelaufen haben – lag wohl sicherlich daran, dass sich alle noch gedanklich im Bett befanden. Spätestens aber 45 Minuten vor dem Start sortierten sich die mit Maske oder Buff vermummten und mit Stirnlampen sowie Rückenlampe ausgestatteten Teilnehmer in den entsprechenden Startblock ein. Gestartet wurde in 30-50 Personen Gruppen in jeweils drei Kategorien – Elite, Ambitioniert und Genussläufer – und natürlich alles ganz corona konform mit Abstand zum Nebenmann/-frau. Ich heimste noch fix die freie Bodenmarkierung vor mir im Block der ambitionierten Läufer ein, um möglichst „gut“ vom Start wegzukommen – was sich aber als Unsinn herausstellte.  Dazu aber0 später mehr. Los geht’s aufs Dach Tirols!

Gestartet wurde Richtung Talende. Nach ca. 1 km Asphalt ging es auf den sanften Waldboden schon ziemlich steil zu, sodass ich kurz darauf bereits so dermaßen ins Schwitzen gekommen bin, dass ich gar meine Jacke ausziehen musste – wohlgemerkt waren die 6° C Außentemperatur aber nicht gerade warm. Über Felsen und Geröll führte der erste Anstieg direkt zum höchsten Punkt der gesamten Strecke, dem Mittagskogel auf 3.070 m.

Nach ca. 6 km und solch steilen Abschnitten, die nur durch Hochkraxeln auf allen Vieren und durch Mithilfe der laut anfeuernden Streckenposten zu bewältigen waren, wurde der Gipfel erreicht. Ein Highlight gab der Blick zurück auf die anderen Teilnehmer, welche nur durch ein aneinandergereihtes, funkelndes Lichtlein in der Dunkelheit zu erkennen waren.

Der Gipfelbereich ist sehr steinig und weiträumig. Ein einheitlicher Laufweg war dadurch nicht zu erkennen. Klar waren die Felsen mit neonfarbenen Pfeilen markiert, bloß haben sie in der Dunkelheit nur zurück reflektiert, wenn man sie entsprechend angeleuchtet hat. Andernfalls hängte man sich an einen Mitstreiter an, bloß waren sie ab hier Mangelware, weil entweder alle vorne weg sind oder die hinter mir ebenfalls zu weit entfernt waren. So musste ich halt auf guten GPS-Empfang hoffen, damit mich zumindest meine Garmin Uhr einigermaßen richtig lotst.

Jedenfalls ging es von da an bergab über die Verpflegungsstelle Gletscherexpress auf 2.800 m zur ca. 1 km langen Gletscherquerung, die man nur mit Schuhspikes betreten durfte. Irgendwie hatte ich dabei ein mulmiges Gefühl mitten im Sommer auf Eis zu laufen. Vielleicht lag es aber auch an den tiefen Eislöchern abseits der Piste.

Nach der Gletscherquerung ging es nochmals ein kleines Stück hoch auf die Braunschweiger Hütte bevor es im Morgengrauen auf dem felsigen Untergrund 6 km nur bergab und mit viel Tempo wieder ins Tal ging – an dieser Stelle ein Dankeschön und Gratulation zu Platz 5 der Damen, meine partielle Laufbegleitung Anna Fiedler.

In Mandarfen angekommen konnte ich meine Spikes und das unnötige Gepäck im Depot abgeben. Zudem gönnte ich mir eine Verschnaufpause und füllte meine Energiereserven auf, bevor es wieder steil und ca. die Hälfte der Gesamtstrecke an der Rifflsee Hütte vorbei auf die nächste Verpflegungsstelle Sunna Alm auf 2.300 m ging. Ehrlich gesagt hatte ich im Tal echt keine Lust mehr überhaupt noch irgendeinen Höhenmeter zu absolvieren. Nun ja, aber Aufgeben stand nicht zur Debatte. Auf dem Weg dahin merkte ich aber das fehlende Höhentraining – naja, vielleicht war das aber auch die dünne Luft – und wurde so andauernd überholt. Oben angekommen hieß es wieder einmal gemütlich essen, trinken, nachfüllen und Pause. Spätestens jetzt waren all meine Vorstellungen, eine ambitionierte Platzierung zu erreichen, dahingeflogen.

Nach der Versorgungsstation Sunna Alm und unter der warmen Morgensonne umrundete ich den wunderschönen klaren Rifflesee in Richtung Offenbacher Höhenweg und dann zum Plodersee. Das war aber auch der letzte wohltuende Moment, denn ab hier ging es mental bei mir an die Grenzen. Gerade der Blick auf den Plan machte es nicht allzu besser, denn die nächste Verpflegungsstelle sollte 17 km weit entfernt sein.

Auf dem schottrigen Fuldaer Höhenweg passierte ich einige Kühe. Aber an viel mehr kann ich mich unter der immer weiter aufziehenden Mittagssonne nicht mehr erinnern – nicht einmal, ob Männlein oder Weiblein an mir vorbeizog. Völlig ausgelaugt und dehydriert war die Kopf-Bein-Koordination nicht mehr im Einklang, oder anders ausgedrückt: Der Kopf hat sich fest vorgenommen, wieder langsam anzulaufen. Beine machten anfangs auch mit, aber sobald es nur über die kleinste Wurzel ging, war plötzlich die Befehlskette unterbrochen und ich bewegte mich wieder im Schritttempo. Der schier unendliche Weg zum Taschachhaus auf 2.430 m war jedenfalls von den Höhenmetern gesehen im Vergleich zum Rest der Strecke relativ angenehm. Mit einigen anspruchsvollen, seilversicherten Stellen brachte die Strecke auch ein wenig Abwechslung mit sich. Zum Glück gab es auch die ein oder andere Bachüberquerung, ansonsten wäre ich bis zur lang ersehnten Verpflegungsstelle Materialseilbahn auf 2.040 m sicherlich verdurstet.

Kamil beim PAGT 2020
Kamil beim PAGT 2020

Diese erreicht war quasi schon das höchste an Gefühlen. Die letzten Kilometer bergab auf einem breiten Schotterweg Richtung Ziel und von einem Fluss begleitet waren dann nur noch zum Auslaufen. Letzen Endes kam ich in 11:23 h auf 48,5 km und 3.000 Höhenmeter. Sicherlich keine Bestleistung, aber für das erste Mal vollkommen okay.

Übrigens: Das Pitztal war in Sachen Corona-Schutzmaßnahmen allen anderen Veranstaltern voraus! Nach unzähligen Absagen in Österreich sowie in Deutschland konnte der Tourismusverband Pitztal gemeinsam mit Salomon und der Laufwerkstatt den Pitz Alpine Glacier Trail als erste große Trailrunning-Veranstaltung im Jahr 2020 durchführen. Ein großes Event mit vielen Auflagen, einem grandiosen Streckenrekord und einer wahnsinnigen Kulisse.

Für mich persönlich aber nicht gerade einen zweiten Besuch wert – zumindest nicht vorerst. Denn die Höhenmeter waren einfach zu viel für mich und brachten mich zwischenzeitlich so sehr zum Grübeln, ob ich denn noch gerade Spaß am Laufen habe. Nicht, dass ich behaupten würde aus dem Flachland zu stammen, die eine oder andere Steigung bin ich gewohnt, aber die Menge an Höhenmetern waren für mich absolut neu und eine Grenzerfahrung, die ich in der Form so nicht unbedingt gleich wieder brauche.

Rennbericht & Fotos

Kamil Scherba - Team Trailrunning24
Kamil Scherba - Team Trailrunning24

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2 Kommentare zu „Trail Running – Mein erstes Mal“

  1. Avatar

    Wahnsinnsleistung. Ich bin leidenschaftlicher Langstrecken-Flaneur, aber ich komme auch nicht gerade vom Flachland, und spiele seit längerem mit dem Gedanken einen Trailrun zu absolvieren. Mit meiner Entscheidung war ich mir bisher unschlüssig und am hadern, doch dieser Bericht hat mich sicher gestimmt. Dein Leiden hat mir gezeigt – auf keinen Fall tu ich mir das an!!
    Vielen Dank für diesen ausführlichen Erfahrungsbericht.
    Ich wünsche auch noch weiterhin spannende, inspirierende Läufe, lieber Kamil!

    Grüße aus Schleswig-Holstein Wattenmeer, Deutschland
    Ulrich Brenner

    1. trailrunning24

      Lieber Ulrich,
      ganz ausschließen würde ich einen Trailrun an deiner Stelle nicht. Fang doch einfach mit einer kurzen Distanz an und schnuppere die erste Trailluft.
      Aber Achtung! SUCHTGEFAHR!

      Falls Du Tipps für ein erstes geeignetes Trail-Event brauchst, schreibe uns gerne über das Kontaktformular 😉

      Liebe Grüße
      Thorsten

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